von Jutta Qu'ja Hartmann
Im vorliegenden zweiten Teil zum Thema stelle ich vertiefendes Wissen zum Kursverlauf, zur Systematik der ISG-Kursstunden, einiges zur themenbezogenen Anatomie und der speziellen Yogapraxis vor. Darüber hinaus weise ich auf interessante Literatur hin.
Bei einem Kurs der sich der ISG-Symptomatik widmet und Betroffenen eine ernstzunehmende Möglichkeit bieten möchte aus der Schmerz- und Spannungsdynamik auszusteigen, sollte einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten umfassen und bei Bedarf auch länger gehalten werden.
Die wöchentlichen Treffen dienen neben der in den Kursen üblichen Möglichkeit Yoga zu praktizieren und die genaue Ausführung der Übungen zu gewährleisten auch dazu, neue Bewegungen kennen zu lernen, die Motivation der Teilnehmer aufrecht zu erhalten und – besonders wichtig – den Betroffenen ein Forum zu bieten.
Das Thema vorstellen und die Basisübungen systematisch erarbeiten.
Die Basisübungen werden so lange wie nötig, mindestens jedoch 2 Monate lang praktiziert. Dabei spielt die häufige Wiederholung von 5- bis 6-mal täglich! eine wichtige Rolle. Dies ist die Hausaufgabe für die Teilnehmer.
Wenn die im Folgenden beschriebenen Voraussetzungen gegeben sind, kann mit dem Aufbauprogramm begonnen werden. Dazu werden dem Basisprogramm systematisch weitere Übungen, besondere Asanavariationen und klassische Asana hinzugefügt.
Ein normales Yogaprogramm kann begonnen werden, nachdem das Aufbauprogramm seine heilende Wirkung entfalten konnte. Dies zeigt sich in völliger Schmerzfreiheit der Betroffenen und der Möglichkeit, alle Bewegungen des Alltags wieder ohne weitere Vorbereitungen ausführen zu können.
Jeder Yogalehrer folgt in seinen Stunden einer gewissen Struktur. Aus pädagogischen Gründen bewährt es sich, dieser Struktur auch weiterhin zu folgen und hierein, die sehr bewährten ISG-Komponenten sinnvoll einzufügen.
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Meditation |
Mindestens 10 min und sehr langsam steigern. Beachten: Keine kreuzbeinigen Sitzhaltungen!
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Entspannungs-phase |
Zu Beginn der Stunde und nach der Asanareihe. Beachten: Teilnehmer auf Lagerung aufmerksam machen (z. B. Stütze unter die Knie, LWS-Kissen …)
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Pranayama |
Milde Ausführung, eher auf Reinigung, Zentrierung und Sammlung ausgerichtet. Beachten: Sitzposition!
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Asana |
Dem speziellen ISG-Programm folgen, beginnend mit dem Basisprogramm (siehe auf www.quja.de und www.kheyala.de sowie im Deutschen Yoga-Forum Ausgabe 1/06.
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Körper-erfahrung |
Erfahrungsraum für neue Bewegungen und das 'neue' Erlernen von Alltagsbewegungen schaffen. Beachten: Sachkenntnis. Hier ebenfalls nicht ausführen, was bereits während der Asana nicht angezeigt ist. Alternative Bewegungen erarbeiten. Alltagsbewegungen (Aufstehen, Hinsetzen …) schulen.
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Rückmelde- und Austauschrunde |
Erfahrungen der letzten Kurstunde und der Woche besprechen. Gemeinsam herausfinden, welche Übungen wie zuhause gestaltet werden können, um einen möglichst harmonischen Heilungsverlauf zu bewirken. Beachten: Auf Einschränkungen in den Bewegungen (Vorbeuge, Rückbeuge, Grätsch-stellungen …) hinweisen und alternative Bewegungen erarbeiten!
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Diese speziell auf die Symptomatik abgestellten Übungen helfen den Betroffenen, in relativ kurzer Zeit schmerzfrei zu werden. Hierzu ist eine 5- bis 6-mal am Tag ausgeführte, sehr genaue Praxis der Übungsfolge über mehrere Wochen hinweg nötig. Die ausführliche Beschreibung dieser fünf Übungen finden sich im ersten teil des ISG-Artikels.
Die Reihenfolge der Übungen sei hier noch einmal kurz genannt:
Modifizierte Vorbeuge – Modifizierte Rückbeuge – Zehenraupe – Zehenpresse – Beckenschaukel
2 bis 3 Wiederholungsrunden der 5 Basisübungen, in der gegebenen Reihenfolge stellen eine Übungseinheit dar, die 5- bis 6-mal pro Tag ausgeführt werden soll. Hierdurch ist ein sehr schneller Heilungseffekt zu erzielen, da es sich gezeigt hat, daß die Schmerzen der Betroffenen bei regelmäßiger Ausführung schnell verschwinden.
Mit zunehmender Trainingserfahrung kann sich die Wiederholung der Basisübungen pro Übungseinheit von anfangs 2 bis 3 auf bis zu 4 bis 6 Runden erhöhen.
Nachdem die Basisübungen über einige Wochen / Monate systematisch praktiziert wurden, kann mit Übungen des Aufbauprogramms begonnen werden. Die nachfolgend genannten Voraussetzungen dienen als Anhaltspunkt, um entscheiden zu können, ob die Teilnehmer für das Aufbauprogramm bereit sind. Sobald dies der Fall ist, werden systematisch aufbauende Übungsreihen eingeführt, in die nach und nach auch die bekannten Asana integriert werden. So ist nach einigen Monaten wieder das gewohnte Yogaprogramm möglich, ohne daß Rückfälle zu erwarten sind.
Für die Durchführung der nachfolgend beschriebenen Unterrichtsprogramme müssen folgende körperliche Voraussetzungen erfüllt sein:
Bei der Praxis des Basis- und Aufbauprogramms sind auch "versteckte" Vorbeuge- und Grätschstellungen zu unterlassen. Beispielsweise enthält der Aufgang in den Kopfstand [Sirshasan], je nach Leistungsniveau der Praktizierenden, eine Vorbeugephase mit gebeugten oder gestreckten Beinen. Da diese Position unbedingt vermieden werden muss, wird der Kopfstand so lange aus dem Programm genommen, bis Vorbeugepositionen wieder möglich sind.
Gleiches gilt für eine größere Anzahl von Positionen wie beispielsweise Pflug [halasan], Kopf zu Knie Stellung [uttanasan], Vorbeuge [pashchimotthanasan], Grätschsitz in allen Variationen [z.B. upavishthkonasan] und viele andere mehr. Daher ist es nötig, die für die Stunde geplanten Asana hierauf zu überprüfen und durch geeignete Alternativen zu ersetzen.
Da eine einzige Überdehnung den Trainingseffekt mehrerer Wochen Basis- und Aufbauübungen zunichte machen kann, ist sehr genau auf die Flexibilitätsgrenzen der Teilnehmer zu achten und unterhalb ihrer möglichen Dehnfähigkeit zu arbeiten. Nur so kann ein Pingpong-Effekt vermieden werden.
Bei starken Beschwerden im Sitzen während der Meditation ist achtsames Gehen als Einstieg eine sinnvolle Alternative. Später wechselt man in das Sitzen auf einem Meditationsbänkchen, da dieses eine für das ISG günstige Sitzposition gestattet. Wer an das Sitzen auf dem Kissen bereits gewöhnt ist, wird bereits nach kurzer Anwendung der Basisübungen in seine vertraute Sitzposition zurückkehren können.
Auch nachdem die Rückkehr zur üblichen Yogapraxis vollzogen werden konnte, sind für weitere Monate herausfordernde, vorrangig auf die Erhöhung der Flexibilität ausgerichtete Dehnpositionen in der Vor- und Rückbeuge und Grätschstellung wie beispielsweise Schildkröte, [Kurmasan], Spagat [Hanumanasan], Rad [Chakrasan] etc. zu vermeiden.
Als Lehrer stellt man sich innerlich darauf ein, dass die Auflösung der ISG-Beschwerden einen längeren zeitlichen Rahmen umspannt. Das unterstützt die Teilnehmer darin, ihre Erwartungshaltung zu bremsen.
Die Teilnehmer benötigen sehr genaue Kenntnis über das Beschwerdebild und die Zusammenhänge, nur so können sie den Alltag entsprechend gestalten und aktiv einem Pingpong-Effekt entgegenwirken. Es ist eine der dankbaren Aufgaben des Yogalehrers, seinen Teilnehmern dieses Wissen zu vermitteln.
Zur Vertiefung empfohlene Literatur
Lilo Cross – Die Cross-Methode,
Zabert Sandmann Verlag, ISBN 3898830365
Spezialistin für Beckenschiefstand beschreibt ihre Erfahrungen und das entwickelte Trainingsprogramm. Sehr anschaulicher anatomischer Teil.
Kabat-Zinn, Jon - Gesund durch Meditation,
Barth Verlag, ISBN 3502623325
Erprobte Methoden ausführlich und praktisch beschrieben. Sehr kompetent, anregend und inspirierend.
Swami Sivananda - Konzentration und Meditation,
Yoga Vidya Verlag
Grundlagenwerk zur Meditation. Ein Meister vermittelt tiefes Wissen und Verständnis auch der komplexesten Phänomene. Inspirierender, tiefsinniger und immer auch praktischer Leitfaden zur Meditation.
Lenhart, Seibert - Funktionelles Bewegungstraining,
Urban & Fischer Verlag, ISBN 3437466712
Anschauliche Beschreibung muskulärer Dysbalancen, ihre Erkennungs- und Ausgleichsmöglichkeiten. Ausführliche Beschreibung von Muskeltests, Trainingstechniken und beeinflussten Muskelgruppen, wenn auch aus der Sicht des Sports.
Für den Artikel herangezogene Literatur
Pernkopf, Eduard - Atlas der topographischen und angewandten Anatomie des Menschen, Urban & Schwarzenberg Verlag.
Wird leider nicht mehr aufgelegt.
Anatomieatlas für Mediziner. Hochwertige Darstellungen und detaillierte Ansichten. Beschriftung ausschließlich in Fachterminologie.
Frick, Leonhardt, Starck - Allgemeine Anatomie, Spezielle Anatomie I & II in 2 Bänden,
Georg Thieme Verlag, ISBN 3133568035 & 3133569031
Kurzgehaltenes Anatomielehrbuch in 2 Bänden. Ausschließlich in Fachterminologie verfasst.
Coulter, H. David - Anatomy of Hatha Yoga,
Body and Breath Inc., ISBN 0970700601
Anspruchsvolles Anatomiebuch für ernsthaft Interessierte. Eine wahre Fundgrube voller Wissen mit detaillierten Beschreibungen. Gute Englischkenntnisse sind nötig.
Schäffler, Menche - Mensch, Körper, Krankheit,
Urban & Fischer Verlag, ISBN 3437550918
Allgemeine Anatomie anschaulich und ausreichend beschrieben. Bezüge zu Krankheiten werden hergestellt. Auch für interessierte Laien geeignet.
Ebert, Dietrich - Physiologische Aspekte des Yoga,
VEB Georg Thieme Verlag, ISBN 3740400021
Wissenschaftliche Untersuchung der Wirkungen des Yoga im menschlichen Körper. Für alle, die an den physiologischen Wirkungen des Yoga interessiert sind.
Ich danke für eure Aufmerksamkeit und freue mich über Anregungen, Rückmeldungen und persönliche Erfahrungen unter kontakt[at]quja.de